Deutsche Übersetzung der Dokumentation des Nachrichtensenders Al Jazeera mit dem Titel ‚The Devil Within‘ in der Reihe ‚People and Power‘, September 2008

Deutsche Übersetzung der Dokumentation des Nachrichtensenders Al Jazeera mit dem Titel’The Devil Within‘ in der Reihe ‚People and Power‘, September 2008

Hallo und Willkommen!

Der Dalai Lama wird von seinem Volk als Held verehrt und ist weltweit für seine friedliche Philosophie respektiert. Aber eine ganze Anzahl von buddhistischen Exiltibetern, die in Indien leben, glauben nicht mehr an seine Führung. Sie beschuldigen ihn der religiösen Diskriminierung.

Im Mittelpunkt des Konfliktes steht die buddhistische Gottheit Shugden. Von den einen als Gottheit betrachtet und von anderen als Dämon.

Der Dalai Lama hat die Verehrung von Shugden verboten. Im Mai [2008] wurden 400 Mönche aufgrund ihres religiösen Glaubens aus den Klöstern geworfen und Shugden-Anhänger werden von anderen tibetischen Buddhisten verstoßen.

Auf den Straßen des tibetischen Flüchtlingscamps in Bylakuppe in Südindien, ist Delek Tong, ein buddhistischer Mönch der Shugden verehrt, nicht mehr willkommen.

Delek Tong: „Schaut Euch dieses Schild an, es heißt: ‚Shugden-Verehrer haben keinen Zutritt’“.

„Hallo, ich verehre Shugden, darf ich hereinkommen?“

Verkäuferin: „Nein, es tut mir leid, ich will weder Dich noch irgendwelche Shugdens in meinem Laden.“

Der Dalai Lama hat die tibetische Gemeinde aufgefordert, die Verehrung der 400 Jahre alten Gottheit Shugden aufzugeben.

Delek Tong: „Als Du dem Rat des Dalai Lama gefolgt bist, hast Du damit nicht vergessen, dass wir Shugden-Verehrer ebenfalls Tibeter wie Du sind?“

In der Praxis heißt das, dass Delek Tong diesen Laden aufgrund seines religiösen Glaubens nicht betreten darf.

Verkäuferin: „Ich habe einen Schwur abgelegt und ich will nichts mit den Shugden-Leuten zu tun haben, die der tibetischen Sache schaden. Ich werde nicht alles tun, was [der Dalai Lama] sagt, aber er sagt die Wahrheit. Ich bin nicht jemand, der einfach blind jemandem glaubt. Ich glaube jemandem, der die Wahrheit sagt. Hier sagt der Dalai Lama immer die Wahrheit.“

Anderer Mönch: „Was denkst Du was Du machst? Schämst Du Dich nicht? Wir sind beide Tibetische Mönche. Der Dalai Lama ist unser einziger Beschützer.“

Delek Tong: „Ich verstoße nicht gegen die Unterweisungen Buddhas.“

Anderer Mönch: „Du hast hier nichts zu suchen. Es gibt bestimmte Regeln bei der Verehrung von Gottheiten. Wenn Du es nicht richtig machst, wird Deine Gottheit der Teufel.“

Für die einen ist Shugden eine Gottheit, die vor Schaden schützt. Für die anderen, die den Unterweisungen des Dalai Lama folgen, ist Shugden einfach ein Geist, der Böses bringt.

Anderer Mann: „Dies ist eine heikle Sache. Filmen ist nicht verboten, aber diese Shugden-Leute zu filmen kann eine Menge Probleme machen. Seid vorsichtig, was ihr vor der Kamera sagt. Wir haben kritische Zeiten. Könnt Ihr bitte aufhören [zu filmen]. Sonst zerschlage ich diese Kamera. Ich habe gesagt, ich lehne dies ab, und ihr macht immer noch weiter Bilder.“

Diese Gottheit steht jetzt im Mittelpunkt der Kontroverse. Einerseits will der Dalai Lama sie verbieten; andererseits gibt es weltweit etwa 4 Millionen Menschen, die Dorje Shugden verehren.

Gemäß der buddhistischen Tradition kam ein verstorbener Mönch als Geist zurück und wurde vom 5. Dalai Lama zur Gottheit erklärt. Seither wurde Shugden als Beschützer-Gottheit verehrt.

Die Verehrung von Shugden ist ein heikles Thema, das in der tibetischen Exilgemeinde Spannungen verursacht. Im Januar dieses Jahres [2008] hat der Dalai Lama sein Volk aufgefordert mit der  Verehrung dieser 400 Jahre alten Gottheit aufzuhören, um die Spannungen zu beenden.

Dalai Lama: „Ich selbst habe Shugden verehrt. Der Geist hat mich sehr gerne gehabt. Ich habe aber erkannt, dass es ein Fehler war. Deshalb habe ich aufgehört. Vor kurzem haben Klöster furchtlos Shugden-Mönche ausgestoßen, wo es nötig war. Ich unterstütze diese Handlungen voll und ganz. Ich lobe sie. Wenn es Klöstern schwerfällt, Maßnahmen zu ergreifen, sagt ihnen, der Dalai Lama ist dafür verantwortlich. Die Shugden-Anhänger sind dazu übergegangen zu töten und zu schlagen. Sie legen Feuer. Und erzählen endlose Lügen. Das ist es, woran die Shugdens glauben. Das ist nicht gut.“

Für Mai und ihre Familie bleibt Shugden ein Beschützer. Ihre Familie hat diese Gottheit seit Generationen verehrt. Weil sie die Regelung des Dalai Lamas abgelehnt haben, sind sie aus ihrer Gemeinde ausgestoßen worden.

„Sie haben für uns gesonderte Regeln gemacht. Sie sagen, niemand darf mit uns sprechen. Und niemand sollte irgendwelchen Kontakt mit uns haben.“

„Wenn er [Dalai Lama] wirklich ein Buddha ist, wenn er wirklich eine Gottheit ist, würde er nicht solche Probleme machen. Er würde uns nicht solche Schwierigkeiten machen. Wenn er der Buddha ist, würde er keinem Menschen irgendwelche Probleme machen.“

„Der Dalai Lama ist unfair und eigensüchtig. Er folgt nur seinen eigenen Wünschen.“

Die Entscheidung, die Verehrung von Shugden zu verbieten, wurde hier in Dharamsala getroffen. Seit 1960 gibt es 46 Parlamentsabgeordnete, die hier arbeiten um die Angelegenheiten Tibets und der hier lebenden Flüchtlinge zu entscheiden. Dies ist das Herz der tibetischen Demokratie.

Reporter: „Haben Sie über Shugden im Parlament debattiert?“

Tsultrim Tenzin (Abgeordneter des Parlamentes): „Es gab keine Streitpunkte. Es gab keine Streitpunkte. Wenn es eine Opposition gibt, dann gibt es Streitpunkte, aber es gibt keine Opposition. Wir haben keine Zweifel über die Entscheidungen des Dalai Lama. Wir denken nicht, dass er ein menschliches Wesen ist. Er ist ein überirdisches Wesen und er ist eine Gottheit. Er ist Avalokiteshvara. Er hat keine Eigeninteressen. Er denkt immer an andere. Alle sind glücklich. In unserem System sind alle glücklich, weil es volle Demokratie gibt. Jeder darf zum Ausdruck bringen, was immer er möchte.“

Warum werden also Shugden-Leute in der Gemeinschaft diskriminiert? Wir haben den Premierminister gefragt, was er über die Schilder denkt, die an den Läden angebracht sind.

Samdhong Rinpoche, tibetischer Premierminister (liest das Schild): „Das ist wahr, ‚Personen, welche die Verehrung des Geistwesens nicht aufgegeben haben, kommen bitte nicht in dieses Geschäft‘. Das ist sehr klar. Warum sollten sie dann in dieses Geschäft gehen? Das ist unfair von ihnen. Viele Shugden-Verehrer werden Terroristen und sind bereit jeden zu töten. Sie sind bereit jeden zu schlagen. Es ist sehr klar, dass es jetzt Leute gibt die Shugden verehren und der Führung der VR China sehr nahe stehen. Das ist klar.“

Mit der VR China in Verbindung zu stehen ist die schlimmste Form des Hochverrats in den Augen der tibetischen Exilregierung.

Kein Shugden-Verehrer ist jemals aufgrund von Terrorismus angeklagt oder auch nur untersucht worden, aber dennoch leben die Mönche, die weiterhin Shugden verehren, als unschuldige Opfer in Schimpf und Schande.

Delek Tong: „Auf den Plakaten heißt es, dass wir Beziehungen zur chinesischen Regierung haben. Wir haben nichts mit China zu tun. Es gibt keinerlei Beweise, aber dennoch belästigen und bedrohen uns viele Leute.“

Aus Furcht um ihr Leben, haben sich diese Shugden-Mönche in einem Kloster in Südindien versteckt, wo sie Zuflucht gesucht haben, nachdem sie aus ihrem Kloster verwiesen wurden.

Jetzt haben diese Mönche, die hier in Indien leben, die Angelegenheit in ihre eigenen Hände genommen. Sie haben beschlossen, den Dalai Lama vor Gericht zu bringen, mit der Anklage, er verletze ihre Religionsfreiheit.

Thubten unterstützt eine Kampagne, um Belege für religiöse Diskriminierung zu sammeln.

Thubten: „Warum ich hier bin? – ich arbeite sehr hart für die Religionsfreiheit. Ich kämpfe für Religionsfreiheit, deshalb bin ich hier. Es gibt hier keine Chance für Religionsfreiheit. Wenn Du gegen die tibetische Exilregierung um Religionsfreiheit kämpfst, dann werden automatisch Plakate mit Deinem Bild aufgehängt und jeder sagt: ‚Sprich nicht mit ihnen. Höre nicht auf sie‘. Deshalb haben wir keine Chance der Welt unsere Wahrheit mitzuteilen.“

Mit der Hilfe des Rebellenmönches Kundeling Rinpoche bringen sie den berühmtesten ehemaligen Shugden-Verehrer – den Dalai Lama selbst – vor Gericht.

Kundeling Rinpoche: „Es gibt keine Demokratie. Der Mann, der Dalai Lama, redet über Demokratie, redet über Mitgefühl, redet über Dialoge, redet über Verständnis, redet über Lösungen, aber für uns gibt es keine Lösung. Gibt es keinen Dialog, gibt es kein Verständnis, gibt es kein Mitgefühl, denn in seiner Wahrnehmung sind wir keine Menschen. Wir sind nur böse. Wir sind böse und sind chinesische Agenten. Genau das ist der Fall. So einfach ist das.“

Nur wenige Tage vor der Anhörung des Dalai Lama vor dem Obersten Gericht, treffen sich Kundeling und Thubten mit ihrem Anwalt. [Der Gerichtstermin wurde auf Antrag des Dalai Lama vertagt und steht noch aus].

Shree Sanjay Jain: „Es ist mit Sicherheit ein Fall von religiöser Diskriminierung, in der Hinsicht, wenn sie innerhalb ihrer religiösen Sekte sagen, dass diese spezifische Gottheit nicht verehrt werden soll, und versucht wird, die Personen, die den Wunsch haben sie zu verehren, aus dem Hauptstrom des Buddhismus zu exkommunizieren, dann ist dies eine Diskriminierung der schlimmsten Art.“

Ganz gleich, wie dieses Gerichtsverfahren ausgeht – in einem Land in dem Millionen von Gottheiten verehrt werden, zu versuchen eine Gottheit zu verbieten ist eine verlorene Schlacht. Eine Schlacht, in der viele buddhistische Mönche ihr Vertrauen in den Dalai Lama verloren haben.

Anfang dieses Monats haben die Anwälte des Dalai Lamas eine dreimonatige Vertagung des Falles mit der Begründung seiner Krankheit beantragt. Die Anhörung wird am 9. Dezember sein, und wir werden weiter darüber berichten.