Falsche Mordanschuldigungen gegen Dorje Shugden Verehrer werden seit 10 Jahren wiederholt

Falsche Mordanschuldigungen gegen Dorje Shugden Verehrer werden seit 10 Jahren wiederholt

Falsche Anschuldigungen

Am 5. Februar 1997 wurden der Direktor der Dialectic School in Dharamsala zusammen mit zwei Assistenten ermordet. Seit dieser Zeit werden falsche Anschuldigungen gegen Dorje Shugden Verehrer wiederholt. Es wurden niemals irgendwelche Beweise dafür gefunden, dass Dorje Shugden Verehrer für diese fürchterliche Tat verantwortlich waren, aber der Dalai Lama und die tibetische Exilregierung verbreiten immer noch diese falschen Informationen auf ihrer Website und in Schriften.

Diese Lügen immer noch zu wiederholen wird sie nicht zur Wahrheit machen. Wir werden diese Anschuldigungen hier nicht noch einmal präsentieren, dafür können Sie auf die Website des Dalai Lama schauen, wo es schreckliche Bilder des ermordeten Lobsang Gyatso gibt, zusammen mit den verleumderischen Anschuldigungen gegen Dorje Shugden Verehrer. Wir müssen allerdings diese Anschuldigungen hier thematisieren, denn sie werden immer noch als Vorwand für das Verbot der Dorje Shugden Praxis benutzt – trotzt der Tatsache, dass die indische Polizei bereits vor Jahren festgestellt hat, dass es keinerlei Beweise gegen Dorje Shugden Verehrer gibt.

Die Shugden Society in New Delhi hat stets jegliche Verwicklung in diese Morde zurückgewiesen. Sie hat diese Morde scharf verurteilt und aktiv mit der indischen Polizei kooperiert, um die Morde aufzuklären. Sehen sie dazu auch die Stellungnahme der Shugden Society [http://www.shugdensociety.info/historyEvents1997FR ]  Die indische Polizei hat festgestellt, dass kein Mitglied der Shugden Society in diese Morde verwickelt war.

Diese Tatsache wurde von der tibetischen Exilregierung ignoriert, die weiterhin die verleumderischen Anschuldigungen auf ihrer Website wiederholt und in den Medien verbreitet.

Weiterhin gab es Anschuldigungen, dass angeblich sechs Mörder von den Chinesen in Tibet versteckt werden, aber auch nach 10 Jahren an Nachforschungen gab es nicht den kleinsten Beweis dafür. Die Dorje Shugden Devotees Charitable and Religious Society in Delhi, die angeblich die Mörder unterstützt hat, fährt mit ihrer friedlichen und gewaltfreien Arbeit gegen die Unterdrückung durch den Dalai Lama fort und keines ihrer Mitglieder ist irgendwohin geflohen.

Auch Geshe Kelsang Gyatso, ein tibetischer Meditationsmeister und Dorje Shugden Verehrer, hat diese Morde stets verurteilt und darauf hingewiesen, dass es genügend andere Verdächtige für diese Morde gibt, als er in einem Artikel der Newsweek 1997 auf Vorwürfe von Robert Thurman antwortete, der in unverschämter Weise Dorje Shugden Verehrer als die „Taliban des Buddhismus“ bezeichnet hatte.

„Robert Thurman wird zitiert, dass er gesagt habe: „Ich glaube es gibt keine Zweifel, das Shugden hinter den Morden steckt.“ Natürlich ist das Töten von anderen Menschen sehr schlecht und ich verurteile diese schrecklichen Morde, aber wenn man den Brief liest, der als Mongoose Canine Letter bekannt ist und an S.H. den Dalai Lama adressiert ist, kann man sehr klar verstehen, dass S.H. der Dalai Lama viele Feinde hat, warum werden also nur Shugden Anhänger verdächtigt? Es ist sehr bedauerlich, dass Lobsang Gyatso, ein 70-jähriger Geshe, in diesen fürchterlichen Umständen sterben musste, anscheinend, weil S.H. der Dalai Lama viele Feinde hat.“ (Geshe Kelsang Gyatso in Newsweek 1997)

Viele Verdächtige

Es gab eine ganze Reihe von möglichen Verdächtigen, aber die wahren Schuldigen wurden niemals gefunden, was dem Dalai Lama in die Hände spielt. Denn auf diese Weise kann er weiterhin Dorje Shugden Verehrer beschuldigen, was bequem für seine politischen Ziele ist. Warum? Weil er die Welt auf diese Weise überzeugen kann, dass sie böse sind und sein Verbot der Praxis erscheint begründet. Tatsache ist, dass Dorje Shugden Verehrer niemals gewalttätige Handlungen ausgeführt haben. Sie sind friedliebende Buddhisten, die dem Pfad der Gewaltlosigkeit, der Liebe und des Mitgefühls folgen, wie es von Trijang Rinpoche – dem Lehrer des Dalai Lama – und anderen Meistern der Überlieferungslinie gelehrt wurde.

Wie im österreichischen buddhistischen Magazin „Ursache und Wirkung“ (Juli 2006, Seite 73) berichtet wurde, hatte Geshe Lobsang Gyatso nach den Aussagen eines seiner Schüler zahlreiche Morddrohungen erhalten.

Lobsang Gyatso war sehr scharfzüngig und hatte viele Personen und Gruppen angegriffen, die sich nicht hinter den Dalai Lama stellen wollten. Beispielsweise hatte der eigene Bruder des Dalai Lama ein Problem damit, dass der Dalai Lama den Anspruch auf ein freies Tibet aufgegeben hatte. Auch 1962, als der Dalai Lama versuchte, alle Schulen des tibetischen Buddhismus unter seiner Autorität zu vereinen, widersetzten sich die Dreizehn tibetischen Siedlungen und der 16. Karmapa diesem autokratischen Schritt. Der Dalai Lama hat viele Feinde und Lobsang Gyatso hat sie alle mit scharfen Worten angegriffen.

Gefälschte „Beweise“

Helmut Gassner, ein österreichischer Mönch, der 17 Jahre als Übersetzer für den Dalai Lama arbeitete, hat in einem Vortrag vor der Friedrich-Nauman-Stiftung in Hamburg, am 26. März 1999 über diese Morde gesprochen:

Der Direktor der Dialektikschule war bekannt für seine Schmähschriften, in denen er alles durch den Dreck zog, was nicht ganz auf dem Kurs der Exilregierung lag. Bedeutende Meister, die großen Klosteruniversitäten und auch die tibetische Guerilla waren auf seinem Menü. In einer seiner letzten Schriften schrieb er: „….diese Leute werden nicht aufhören, den Dalai Lama zu kritisieren, bis ihnen das Blut aus dem Fleisch fließt.“

Aufgrund der Art der Ermordung und der Demütigungen, denen die tibetische Guerilla-Organisation in den Jahren zuvor ausgesetzt worden war, hätte man vielleicht erwartet, dass der Täter eventuell auch dort gesucht worden wäre. Das war jedoch nicht zu erkennen, sondern schon einen Tag später wusste das Lokalblatt von Dharamsala, dass die Mörder sicher bei der Dordsche-Schugden-Gesellschaft in Delhi zu finden seien.

Wer immer diesen Mord ausgeführt hat, von der Exilregierung wurde die grausame Tat mit einem einzigen Ziel bis auf Blut und Knochen ausgeschlachtet:

Mit allen Mitteln versuchte man die Dordsche-Schugden-Gesellschaft in Delhi mit dem Mord zu belasten und die führenden Mönche hinter indische Gitter zu bringen. …

Im Schweizer Fernsehen (DRS, Sternstunde 25. Januar 1998) konnte ich dann Tashi Wangdu, meinen alten Freund und Minister der Exilregierung bewundern, wie er in einer Sendung über diesen Mord eines der Beweisstücke vor die Kamera hielt: Eine Morddrohung, hieß es im Kommentar, von den Dordsche-Schugden-Leuten in Delhi an den nun Ermordeten. Ich konnte es nicht lassen, das Video anzuhalten, die tibetischen Zeichen abzuschreiben und zu übersetzen. Es war keine Morddrohung, sondern lediglich ein frech geschriebener Brief mit Aufforderung zur Debatte, um die Meinungsverschiedenheiten beizulegen.

An diesem Punkt war ich überzeugt, dass hier ein falsches Spiel getrieben wurde, denn weshalb würde Tashi Wangdu sonst so weit gehen, eine gefälschte Morddrohung sogar vor die Kamera zu halten?

In seiner Mitteleilung „Lügt der Minister der Exilregierung“ sagte Helmut Gassner:

Als ich den Brief las, erkannte ich, dass es eine Bitte des Sekretärs der Shugden Society an den Abt Losang Gyatso war, die Verleumdung dieser Gottheit zu beenden, da es reichlich heilige Schriften zu diesem Thema gibt, die der Abt offenkundig nicht gelesen hat. Der wesentliche Punkt im dem Brief war die Bitte an den Abt nach Delhi zu kommen, um nachzuweisen, was Wahrheit und was Unwahrheit ist. Wenn der Abt zu beschämt sei, nach Delhi zu kommen, dann würde die Mitglieder der Shugden Society auch gerne nach Dharamsala kommen um die Wahrheit zu finden. Schließlich wurde der Abt gebeten einen Termin für ein Treffen zu nennen.

Gemäß dem tibetischen Minister heißt es in dem Brief: „Wir werden Dich wie eine Laus zerdrücken“.

Das Wort „Laus“ erscheint nur einmal in diesem Brief, in einer gebräuchlichen Redewendung, die wörtlich bedeutet: „Laus und Finger zu verifizieren, oder nachzuweisen“.

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Dies ist der tibetische Originaltext des Briefes der Shugden Society an den später ermordeten Abt Losang Gyatso.

Der tibetische Minister Tashi Wangdü sagte vor der Fernsehkamera:

„Vor dem Mord am Oberhaupt der Dialektikschule, hat er einen Drohbrief der Dorje Shugden Society erhalten. Tibeter zerdrücken Läuse zwischen den Fingernägeln, und so heißt es in diesem Brief: „Wenn Du nach Delhi kommst, werden wir Dich wie eine Laus zerdrücken.“

Der Polizeichef Prithvi Raj sagte ebenfalls vor der Kamera:

„Am Schauplatz des Mordes hat die Polizeit einen Brief von Chime Tsering, dem Präsidenten des Dorje Shugden Charitable Trust gefunden. Dies ist ein Drohbrief gegen den Abt und zeigt, dass die Mörder eine direkte Verbindung zu den Shugden-Leuten haben.“

Im Brief, der vor der Kamera gezeigt wurde und dessen Inhalt von der Shugden Society bestätigt wurde, heißt es:

„…es gibt hunderte von heiligen Schriften über dieses Thema. Du hast sie nicht angeschaut. Das ist bedauerlich.
Deshalb, anstatt grundlose, polemische Werke zu schreiben, komme nach Delhi, mit dem Ziel Fakten von Falschheiten zu unterscheiden.“ (wörtl. Laus und Finger nachzuweisen).

Diese Redewendung impliziert niemals eine gewalttätige Drohung. Die wörtliche Übersetzung jedes einzelnen Wortes, wie es im Brief verwendet wurde:

tibshig tang sormo ratrö jepa: „Laus und Finger nachweisen tun“

Im Tibetisch-Englisch Wörterbuch von Melvin C. Goldstein gibt es folgende Übersetzung für das Wort ratrö jepa: beweisen, nachweisen, bestätigen (to be proved, to be verified, to get attested to).

Die Schlussfolgerung ist deshalb, dass die tibetische Exilregierung eine absichtlich verzerrte Übersetzung dieses Briefes präsentierte.

Die immer noch wiederholten Verleumdungen aus offenkundig politischen Motiven durch den Dalai Lama sind einer der Gründe, warum die Mitglieder der Western Shugden Society dem Dalai Lama überall hin gefolgt sind und ihn aufgefordert haben: „Hör auf zu Lügen!“
Siehe auch: Does the Minister of the Tibetan Exile Government Lie? von Helmut Gassner [http://www.dorjeshugden.com/articles/HelmutGassner02.pdf]

Deutsches vollständiges Transkript der Veranstaltung vom 26. März 1999 der Friedrich-Naumann-Stiftung, Dalai Lama – Dordsche Schugden, Beitrag von Dipl.Ing. Helmut Gassner, Letzehof, A-6800 Feldkirch, [http://www.trimondi.de/med08.html]

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Ein Plädoyer für den Mittleren Weg – Eine buddhistische Perspektive zu Nichtsektierertum

Ein Plädoyer für den Mittleren Weg


Ein tiefgründiger Artikel von Michael-James B. Weaver, der aus philosophischer Sicht erklärt, wie Religionsfreiheit erreicht und bewahrt werden kann und den Standpunkt des tibetischen Meditationsmeisters Geshe Kelsang Gyatso zu diesem Thema untersucht. Er zeigt, wie die Einstellung zu unserem eigenen spirituellen Pfad religiöse Freiheit unterstützen oder behindern kann und kann helfen, dass wir für uns den mittleren Weg auf unserem Pfad finden. Am Ende des Artikels gibt es Erklärungen einiger Fremdwörter.

Wir können uns an der aufrichtigen spirituellen Praxis anderer erfreuen, auch wenn ihr Glauben nicht mit unserem eigenen übereinstimmt. Auf diese Weise ist die zufriedene Praxis der eigenen Tradition der mittlere Weg zwischen Sektierertum und Eklektizismus.

Ein Plädoyer für den Mittleren Weg –
Eine buddhistische Perspektive zu Nichtsektierertum

Die Stärken des Agnostizismus – Toleranz und Offenheit, Fortlaufendes Hinterfragen und Akzeptanz der Ungewissheit – erweisen sich als seine Schwächen. Denn Menschen können sich nicht den Luxus leisten für immer ambivalent zu bleiben. Wir werden immer wieder mit Herausforderungen konfrontiert in denen wir einen Standpunkt beziehen müssen, uns verpflichten müssen oder und unsere Werte verteidigen. Wir müssen hinderliche Zweifel beiseite lassen und uns entscheiden, entweder in der einen oder der anderen Weise zu handeln. Wir müssen bereit sein, eine Reihe von Sprüngen ins Ungewisse zu wagen. – Stephen Batchelor in „Buddhism and Agnosticism“ 12. April 2006

Dies entspricht der gleichen Vorgehensweise, wie ich sie auf meiner Website Empty Mountains: the Two Truths of the Middle Way between Extremes beschrieben habe, und welche uns hilft, alle Unterweisungen Buddhas anhand des Modells des mittleren Weges zu verstehen, dem Prüfstein des buddhistischen Glaubens. Ich habe erkannt, dass es immer eine gemäßigte Position gibt, selbst zwischen den polarisierenden Extremen die gegenwärtig die religiöse Landschaft bestimmen. Sektierertum legt ganz offenkundig zu viel Betonung auf unsere Unterschiede, aber wenn wir wirklich die Vielfalt genießen wollen, dann müssen wir unsere Unterschiede genauso schätzen wollen wie unsere Gemeinsamkeiten. Ein authentischer religiöser Pluralismus würde beide respektieren, nicht nur die einen oder die anderen. Als ich schaute, wo genau sich Geshe Kelsang Gyatso in dieser Spannbreite präsentiert, war ich angenehm überrascht, herauszufinden, dass sein Standpunkt mehr zum mittleren Weg beiträgt als der typische heutige Durchschnitt. Ich habe den nachfolgenden Artikel geschrieben, damit wir besser verstehen können, wie uns Geshe-las tiefgründige Weisheit hilft sowohl Sektierertum als auch Eklektizismus aufzugeben.

Wenn wir einschätzen wollen, ob die Sichtweisen von jemandem sektiererisch oder nichtsektiererisch sind, ist das nicht einfach ein entweder-oder Szenario. Wir müssen uns hüten, solch ein schwarz-weiß Denken zu vermeiden. Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen bloßem Exklusivismus und Sektierertum, obwohl sie beide zum Ziel haben Tradition zu bewahren. Exklusivismus beinhaltet nicht zwangsläufig Sektierertum, denn während Sektierertum eine extreme Form des Exklusivismus ist, sind nicht alle Formen des Exklusivismus sektiererisch! Damit soll gesagt werden, sich ausschließlich auf die eigene religiöse Tradition zu konzentrieren ist nicht an und für sich sektiererisch. Am anderen Ende des Spektrums gibt es eine dubiose Form des Inklusivismus, die sich Eklektizismus* nennt (d.h. sich herauszupicken was man will, auch „mischen“ genannt) womit auch das Nichtsektierertum in ein Extrem getrieben wird.

Wenn es aber in der Tat sowohl gemäßigte als auch radikalere Ausdrucksformen von Exklusivismus und Inklusivismus gibt, wie können wir dann diese subtileren Unterscheidungen sichtbarer machen? Um zwischen ihren gesünderen und ungesünderen Formen zu unterscheiden, können wir die Worte gemäßigt bzw. extrem verwenden (siehe Tabelle). Sektierertum beispielsweise ist ein Zeichen von extremem Exklusivismus, während Eklektizismus ein Hinweis auf extremen Inklusivismus ist. Als extremistische Standpunkte kann keiner dieser beiden gut mit anderen Standpunkten zusammen leben. Der Ort an dem es Toleranz und Gleichheit gibt, ist aber der mittlere Weg:

Eklektizismus                       Religiöse Freiheit ____________Sektierertum


extremer                                 gemäßigter Inklusivismus               extremer
Inklusivismus                       gemäßigter Exklusivismus               Exklusivismus

Worum geht es bei diesem ganzen Gerede von Exklusivismus und Inklusivismus? Für viele Leute  wird jeder Hauch von Ausschließlichkeit bereits als Zeichen von Dogmatismus und religiöser Frömmelei gesehen, wie können wir also auch nur in Betracht ziehen, dass ein gemäßigter Exklusivismus in Harmonie mit Buddhas Unterweisungen ist? Einfach gesagt, gibt es immer zwei Extreme, die den mittleren Weg flankieren. In Anbetracht dessen, dass Sektierertum eines dieser Extreme ist, und falls Eklektizismus der mittlere Weg ist, was genau wäre dann das andere Extrem? Wie wir später sehen werden, gelingt es auch dem Eklektizismus nicht Religionsfreiheit zu beschützen, obwohl dies für westliche Ohren sehr ökumenisch klingt.

„Wir müssen unsere Traditionen nicht vermischen. Jede Tradition hat ihre eigenen außergewöhnlichen guten Qualitäten und es ist wichtig, diese nicht zu verlieren. Wir sollten uns auf unsere eigene Tradition konzentrieren und die guten Qualitäten unserer eigenen Tradition bewahren, aber wir sollten immer gute Beziehungen miteinander bewahren und niemals miteinander streiten oder uns gegenseitig kritisieren. Worum ich bitten möchte ist, dass wir unsere eigenen Traditionen verbessern, während wir gute Beziehungen miteinander bewahren. (Geshe Kelsang Gyatso, An Interview with Geshe Kelsang Gyatso, Tricycle: the Buddhist Review, No. 27, Spring 1998, p. 76)

Der mittlere Weg ist ein Pfad zwischen allen entgegengesetzten Extremen. In diesem Fall sind es die zwei Aspekte des mittleren Weges – nämlich gemäßigter Inklusivismus und gemäßigter Exklusivismus – welche Sektierertum bzw. Eklektizismus korrigieren (siehe obige Tabelle). Der gemäßigte Inklusivismus sagt, dass „Wahrheit vom Kontext abhängt“, während der gemäßigte Exklusivismus sagt, dass es „gültige und ungültige Wahlmöglichkeiten innerhalb eines gegebenen Kontextes gibt“. Zusammengenommen bilden der gemäßigte Inklusivismus und gemäßigte Exklusivismus eine ausgewogene Sicht, die uns sagt, „weil es viele Blickwinkel gibt, gibt es viele Wahrheiten, und jede von ihnen ist gültig oder nicht gültig, abhängig vom jeweiligen Kontext“. Wie unterscheidet sich dann der gemäßigte Exklusivismus vom extremen Exklusivismus, d.h. Sektierertum? Im Gegensatz zum extremen Exklusivisten hat der gemäßigte Exklusivist kein Interesse daran, die Glauben anderer Traditionen zu kritisieren; es genügt ihm, lediglich darzulegen, was innerhalb der eigenen Schule des Denkens relevant ist oder nicht, ohne den Glauben anderer zu verunglimpfen. Wie kann jemand ein Sektierer sein, wenn er niemals die Religion einer anderen Person bewertet?

Buddha sagte: ‚Ein Mann hat einen Glauben. Wenn er sagt „Dies ist mein Glauben“, folgt er so weit der Wahrheit. Aber damit kann er nicht zur absoluten Schlussfolgerung gelangen: „Dies ist die einzige Wahrheit und alles andere ist falsch.“ ‚ Mit anderen Worten, eine Person kann glauben was sie will und sie mag sagen „Ich glaube dies“. So weit respektiert sie Wahrheit. Aber aufgrund dieses  Glaubens sollte sie nicht sagen, dass ihr Glaube die einzige Wahrheit ist und alles andere falsch ist. (Walpola Sri Rahula, quoting Canki Sutta, What The Buddha Taught, 2nd ed., p. 10, © 1959, 1974)

Der gemäßigte Exklusivismus ist immer mit gemäßigtem Inklusivismus gepaart, was bedeutet, dass es niemals ein einziges, allumfassendes Paradigma des Wissens gibt, sondern ein Glaube macht nur in einem gewissen Kontext Sinn oder nicht, wobei jeder Blickwinkel seine eigenen Kriterien hat um Wahrheit festzulegen. Was unter einem Umstand angebracht ist, mag in anderen Umständen unangebracht sein; was aus einem Blickwinkel Sinn macht, macht aus einem anderen vielleicht keinen Sinn.

Einer der Lehrsätze des extremen Inklusivismus ist, dass es überhaupt nichts Absolutes gibt. Da der extreme Inklusivismus keinen Standard anerkennt, mittels dem Wahrheit festgelegt werden kann, werden alle Glaubensarten in jedem Kontext als gleichermaßen gültig angesehen. Damit wird quer durch alle alle Blickwinkel gesagt „Es ist alles eines“. Der Synkretist sagt, dass letztendlich alle Religionen zu einer einzigen endgültigen Wahrheit verschmelzen. Um dies zu illustrieren wird oft das Beispiel eines großen Juwels mit vielen Facetten gegeben, so dass das Juwel unabhängig vom Blickwinkel immer genau gleich aussieht. Ich denke, dies ist zu sehr vereinfacht, denn diese Analogie hält nicht Stand, wenn wir ein weniger homogenes Objekt verwenden. Wenn wir z.B. Fernsehen schauen, wird allgemein angenommen, dass die Sicht von vorne der beste Blickwinkel ist, um den Bildschirm zu sehen. Wenn jemand die Rückseite des Gerätes anschauen würde um sein Lieblingsprogramm zu sehen, würde er wohl als lächerlich betrachtet werden! Jetzt gibt es aber Zeiten, zu denen es Sinn macht, die Rückseite des Fernsehers zu betrachten. Zwei Beispiele sind, wenn wir die technischen Herstellerangaben des Gerätes finden wollen, oder Anschlußbuchsen für das Videogerät suchen. Was richtig oder falsch ist, hängt von der Situation ab. Anhand dieser zwei Beispiele können wir verstehen, dass das Beispiel des Juwels nicht anwendbar ist, um zu zeigen, dass es überhaupt nichts Absolutes gibt, weil „alles relativ ist“. Was wir brauchen ist ein mittlerer Weg zwischen dem Denken, dass es überhaupt nur eine absolute Perspektive gibt, aus der die Dinge verstanden werden können, und dem Verwischen von Grenzen zwischen verschiedenen Perspektiven, bis der Wert von Perspektiven an sich als wertlos betrachtet wird.

Wie auch der gemäßigte Inklusivist, nimmt auch der extreme Inklusivist an, dass Wahrheit vom Kontext abhängt, aber er wechselt ohne Unterscheidungen zwischen dem Kontext, vielleicht um zu vermeiden, irgendetwas „falsch“ nennen zu müssen. (Diese Vorgehensweise, sich nicht festlegen zu wollen, mag auch der Ursprung für den radikalen Skeptizismus des extremen Inklusivisten sein, da er sich niemals auf eine bestimmte Perspektive festlegt, sondern eine nach der anderen aufgibt, wahrscheinlich, um es zu vermeiden, irgendetwas „richtig“ nennen zu müssen.) Ebenso ignoriert der extreme Exklusivist durch das Festhalten an Gewissheit die Abhängigkeit von Kontext; und durch das Festhalten an Ungewissheit verfällt der extreme Inklusivist in eine Überanwendung der Abhängigkeit von Kontext. Damit soll gesagt werden, dass der extreme Inklusivist niemals lange an irgendeinem Blickwinkel festhält, ihn bereitwillig fallen lässt und einen anderen einnimmt, um niemals einen unpopulären Standpunkt einzunehmen. Aber wenn Wahrheit von Kontext abhängig ist, dann kann sich die Gültigkeit oder Ungültigkeit jener Wahrheit sehr wohl ändern, wenn sich der Kontext ändert. Dies ist die Einsicht der gemäßigten Exklusivisten und gemäßigten Inklusivisten, die einen unterschiedlichen Kontext unterscheiden, um die Gültigkeit von Wahrheit festzulegen und Bewertungen in entsprechender Weise vornehmen. Der extreme Inklusivist zieht bei solchen Untersuchungen die Stirn in Falten und betrachtet sie als „wertend“; das angestrebte Ideal ist hier, in höchstem Maße neutral zu bleiben. Solche Neutralität kann nur erreicht werden, indem jede Behauptung einer Wahrheit verneint wird, falls sie nicht einen alles-beinhaltenden Standpunkt hat. Letztendlich vergisst der extreme Inklusivist, dass es keinen allgemeingültigen Maßstab für die Wahrheit gibt, welches exakt die gleiche Sichtweise des extremen Exklusivisten ist, den er widerlegen will!

Da es keinen unabhängigen Standard für alle moralischen Sichtweisen gibt, oder mittels dem sie nach Prioritäten geordnet werden können, sind einige Philosophen zum Schluss gekommen, dass alle solchen Sichtweisen gleich sind. Wir haben aufgezeigt, was an diesem Argument falsch ist. Nachdem sie gesagt haben, dass es keinen gemeinsamen Maßstab gibt, mit dem alle Sichtweisen bewertet werden können, widersprechen sie sich sofort selbst, indem sie sagen, dass sie alle gleich sind – was natürlich ein mögliches Ergebnis einer Messung ist, von der sie nicht glauben, dass sie möglich ist. (D. Z. Phillips, Introducing Philosophy: the Challenge of Scepticism, pp. 181-182, © 1996)

Die Kriterien für einen Blickwinkel können nicht der Maßstab für die Wahrheit eines anderen Blickwinkels sein, da es der relevante Kontext ist, der als die Grundlage des Wissens dient und einer Wahrheitsbehauptung seine Gültigkeit und Bedeutung gibt. Jede Religion spricht mit ihrer eigenen Autorität, deshalb sollte der Glaube einer Person für sich akzeptiert werden und individuell verstanden werden, nicht etwa in Bezug auf irgendeinen äußeren Standpunkt. Der gemäßigte Exklusivist erkennt, dass die eigene Tradition selbstgenügsam ist, d.h. „in sich ganz oder vollständig“. Das liegt daran, dass jeder spirituelle Pfad seine eigene Gültigkeit hat, und sich deshalb aus dem eigenen Glauben herauszubewegen, um zu sehen, ob er gegenüber anderen Weltanschauungen standhält kann unberechtigt sein. In der vergleichenden Religion enthüllen Ähnlichkeiten oft unerwartete Parallelen, aber unüberbrückbare Unterschiede müssen ebenfalls berücksichtigt werden. Ironischerweise führt der Eklektizismus schließlich zu Sektierertum, da es das Mischen verschiedener Traditionen ist – indem die Kriterien für die Wahrheit ihrer individuellen  Perspektiven verwechselt werden – was Streitigkeiten fördert: Wessen Standard gilt, um festzulegen wer richtig und wer falsch ist? Bei dem Versuch, die unvermeidlichen Unterschiede zu überbrücken, muss es immer einen Verlierer geben…

Während wir unsere eigene Tradition schätzen, sollten wir alle anderen Traditionen schätzen und das Recht eines jeden einzelnen, der Tradition seiner Wahl zu folgen. Diese Vorgehensweise führt zu Harmonie und Toleranz. Es ist das Mischen verschiedener religiöser Traditionen, das zu Sektierertum führt. Darum wird gesagt, dass das Studieren nichtreligiöser Themen ein geringeres Hindernis für unseren spirituellen Fortschritt ist, als das Studieren von Religionen unterschiedlicher Traditionen. (Geshe Kelsang Gyatso, Den Geist Verstehen, S. 187)

Wenn sich zwei Leute nicht auf eine gemeinsame Referenzgrundlage einigen können, gibt es wirklich keine Basis für Vergleiche. In der Tat haben Individuen, die keine gemeinsame Grundlage teilen, keinen objektiven Standard, an den sie sich wenden können (außer ihrem eigenen!) und deshalb wird eine fortgesetzte Debatte sehr wahrscheinlich keinen Nutzen haben, und möglicherweise zu unnötigem Streit, zerbrochenen Beziehungen, religiöser Zurückweisung, Apartheid, Ausgrenzung und selbst offenem Konflikt führen. Es ist niemals richtig den Glauben von jemand anderem zu Bewerten, aber wir können der Richter dafür sein, was für uns richtig oder falsch ist. Während es angemessen ist, zu sagen: „ich glaube das nicht“, oder „dies ist nicht der richtige Ort für mich“, überschreitet man die Grenze, wenn man Fehler in der Religion einer anderen Person sucht und argumentiert: „Deren Glauben ist falsch!“, oder „Dein Glaube ist falsch!“ Es ist sehr wichtig, dass wir diesen subtilen Unterschied verstehen, da nur das Erstere Buddhas Verfügung gegen das Missionieren folgt (sei es jemanden zu „Meinem“ Glauben zu konvertieren, oder mittels Polemik den Glauben anderer zu beleidigen). Wenn sich jemand natürlich entschlossen hat, einer bestimmten Moral oder Lebensweise zu folgen, dann werden außen stehende Sichtweisen, die den eigenen widersprechen keine Optionen mehr für jemanden persönlich sein. Das liegt daran, weil gemäß der angenommenen Weltanschauung einige Glaubensarten anderer, für einen selbst nicht mehr zu rechtfertigen sind. Aber das gleiche gilt aus der Perspektive der anderen Person! Wenn es in beiden Richtungen funktioniert – wenn man übereinstimmen kann, nicht übereinzustimmen –  hat man eine wirkliche universale Toleranz und religiöse Freiheit, ohne die inneren Überzeugungen von jemanden beeinträchtigen zu müssen. Auf diese Weise ist es möglich, dass man sich an der aufrichtigen spirituellen Praxis anderer erfreuen kann, selbst wenn deren Glauben nicht mit dem eigenen übereinstimmt. Auf diese Weise ist das zufriedene Praktizieren der eigenen Tradition der mittlere Weg zwischen Sektierertum und Eklektizismus.

Jeder Lehrer und jede Tradition hat eine leicht andere Vorgehensweise und verwendet andere Methoden. Die Übungen, die von einem Lehrer vermittelt werden, werden sich von denen eines anderen Lehrers unterscheiden, und wenn wir versuchen, sie zu kombinieren, werden wir verwirrt, entwickeln Zweifel und verlieren die Orientierung. Wenn wir versuchen eine Synthese verschiedener Traditionen zu schaffen, werden wir die besondere Kraft jeder einzelnen zerstören und mit einem selbstgefertigten Mischmasch zurückbleiben, welches eine Quelle von Verwirrung und Zweifel ist. Wenn wir einmal unsere Tradition und unsere tägliche Praxis gewählt haben, sollten wir uns einsgerichtet darauf verlassen und niemals Unzufriedenheit entstehen lassen. (Geshe Kelsang Gyatso, Den Geist Verstehen, S. 187)

Es gibt Unterschiede zwischen Traditionen, weil jede ihren Ansatz hat Wahrheit zu finden, aber extremer Inklusivismus versucht diese Unterschiede zu beseitigen. Per Definition bringt uns der extreme Inklusivismus zu einem Punkt der Inklusivität (was auch das Ziel des gemäßigten Inklusivismus ist), aber als eine Form des Reduktionismus tut er das nur, indem er die aufrichtigen Unterschiede und Distanzen zwischen verschiedenen Leuten und Religionen ignoriert (welches nicht das Ziel des gemäßigten Inklusivismus ist). Um Harmonie zu bewahren müssen wir nicht jede Kluft überbrücken oder eine Einigung um jeden Preis erkaufen. Abgesehen davon wird etwas nicht zwangsläufig dadurch legitim, dass alle zu einer Einigung gebracht werden; Wahrheit ist nicht von Mehrheiten abhängig. Während man sagen kann, dass gemäßigter Inklusivismus und extremer Inklusivismus beide nichtsektiererisch sind, ist letzterer für die Erreichung dieses Zieles eher destruktiv. Oft als mittlerer Weg gepriesen, wird religiöser Eklektizismus (der leicht in Synkretismus abgleitet) als der einzige wahre Weg zu praktizieren angesehen und bedroht die Integrität der individuellen religiösen Traditionen (folglich auch die selbstbewusste Bewahrung der Grenzen des gemäßigten Exklusivismus). Der einzige Weg, verschiedene Traditionen zu einer einzigen zu integrieren, besteht darin die außergewöhnlichen guten Qualitäten, Werte und Prinzipien zu entfernen, die jeder ihre einzigartige Identität geben und für ihre Praktizierenden große Bedeutung haben. Dies geschieht insbesondere, wenn ein integraler Bestandteil einer Tradition als „unvereinbar“ mit anderen betrachtet wird, d.h. nicht im gemeinsamen Interesse. Von politischer Korrektheit getrieben, diktiert der monomanische Imperativ des Synkretismus, dass es keinen Raum für Meinungsverschiedenheit gibt. Auf diese Weise offenbart sich der extreme Inklusivismus selbst als ein sich selbst widerlegender Idealismus: er lobt sich selbst dafür, alle zu akzeptieren, aber in Wirklichkeit brütet er seine eigene Form des Absolutismus aus. Dies kann kaum eine Einstellung des mittleren Weges sein.

* Es sollte angemerkt werden, dass die meisten Formen des Eklektizismus empfehlenswert sind. Beispielsweise haben die meisten Menschen einen eklektischen Geschmack in ihrem Essen und ihrer Musik, sowie verschiedene Interessen in Literatur und Kunst. Auch Wissenschaft und Psychologie, Elemente von wetteifernden Theorien, werden oft verwendet um unterschiedliche Phänomene zu erklären. Im Gegensatz dazu sind die Weltreligionen nicht im Wettstreit miteinander – jede ist in ihrer Art vollkommen. Der religiöse Eklektizismus nimmt aber an, dass „keine“ Religion vollständig ist, sondern dass etwas fehlt, das von woanders her zugefügt werden muss. Der spirituelle Eklektiker behauptet auch, unterscheiden zu können, zwischen den Teilen einer jeden Religion, die gänzlich als unwichtig verworfen werden können. Die Realität ist, dass die Unterweisungen in jeder Religion eng miteinander verwoben sind, wie ein kunstvoller Teppich, und wenn man anfängt auch nur an einem Faden zu ziehen, der einem nicht gefällt, dann löst man den ganzen Teppich auf.

© 2007-2009 Michael-James B. Weaver

Begriffe:

Agnostizismus: „nicht wissen, unbekannt, unerkennbar“; bezeichnet die philosophische Ansicht, dass bestimmte Annahmen – insbesondere theologischer Art, welche die Existenz oder Nichtexistenz eines höheren Wesens wie beispielsweise eines Gottes betreffen – entweder ungeklärt, grundsätzlich nicht zu klären oder für das Leben irrelevant sind.

Eklektizismus:  („ausgewählt“) In den Geisteswissenschaften charakterisiert der Begriff die Methode, aus Versatzstücken unterschiedlicher Systeme, Theorien oder Weltanschauungen eine neue Einheit zu bilden.

Synkretịsmus: in der Philosophie die unkritische Übernahme von Denkansätzen und Lehren  (Eklektizismus) und ihre oft bestimmten Zeitgeistströmungen folgende Verschmelzung; in der Religionsgeschichte die Verschmelzung verschiedener Religionen beziehungsweise einzelner Elemente von ihnen.

Paradigma: „zeigen“, „begreiflich machen“;  bedeutet Beispiel, Muster, Vorbild, oder Abgrenzung, Vorurteil.

Die Natur und Funktion des Dharma-Beschützers Dorje Shugdän

Die Natur und Funktion des Dharma-Beschützers Dorje Shugdän

Im nächsten Teil der Erklärungen über den Weisheitsbuddha Dorje Shugden, können Sie über seine Natur und Funktion lesen. Wiederum stellt dies klar, was für eine reine und nutzbringende Praxis die Verehrung dieses Beschützers ist. Seit dem 17. Jahrhundert wurde er als erleuchtetes Wesen verehrt, um die innere spirituelle Entwicklung zu schützen und zu fördern.

Lesen Sie über  “Die Natur und Funktion des Dharma-Beschützers Dorje Shugdän” aus dem Buch ‘Herzjuwel’ (Tharpa Verlag, Zürich, Berlin)

DIE NATUR UND FUNKTION DES DHARMA-BESCHÜTZERS DORJE SHUGDÄN

Dorje Shugdän und die Gottheiten seines Mandalas besitzen die gleiche Natur wie die Gottheiten des Körper-Mandalas von Lama Losang Tubwang Dorjechang, der in seiner Essenz Je Tsongkhapa ist. Nach Je Tsongkhapas Tod hatte Khädrubje fünf Visionen von ihm, wobei er jedesmal in einem anderen Aspekt erschien. Später sah der große Yogi Dharmavajra Je Tsongkhapa im Aspekt von Lama Losang Tubwang Dorje­chang. Diesen Namen erhielt Je Tsongkhapa von Manjushri. Er weist darauf hin, daß Je Tsongkhapa sowohl die Ver­körperung von Eroberer Vajradhara als auch von Buddha Shakyamuni ist. «Losang Dragpa» ist Je Tsongkhapas Ordinationsname, «Tubwang» oder «Machtvoller Befähigter» ist ein Beiname Buddha Shakyamunis, und «Dorjechang» ist der tibetische Name Vajradharas. Lama Losang Tubwang Dorje­chang ist ein erleuchtetes Wesen und das wichtigste Feld für die Ansammlung von Verdiensten im Guru-Yoga der Darbringung an den Spirituellen Meister oder Lama Chöpa.

In Wirklichkeit stammt die Lama-Chöpa-Unterweisung aus Manjushris Emanationsschrift, worin besondere Anweisungen über Mahamudra enthalten sind. Die Emanationsschrift – sie kann von gewöhnlichen Wesen nicht gelesen werden – wurde Je Tsongkhapa direkt durch Manjushri enthüllt. Sie wurde dem jeweils folgenden Überlieferungslinien-Guru weitergegeben, und als sie den Ersten Panchen Lama, Losang Chökyi Gyaltsän, erreichte, entnahm er ihr die Unterweisungen über Lama Chöpa und den Urtext des Mahamudra, den Hauptpfad der Eroberer und schrieb sie in tibetischer Sprache nieder. Dies war ein Akt großer Güte, denn dadurch konnten gewöhnliche Wesen zum ersten Mal Lama Chöpa und die außergewöhnliche nahe Überlieferungslinie des Vajrayana-Mahamudra lesen und praktizieren. Der Guru-Yoga der Lama Chöpa ist eine der gesegnetesten Formen der Praxis innerhalb Je Tsongkhapas Tradition, da er die essentielle vorbereitende Praxis für Vajrayana-Mahamudra ist. Ein umfassender Kommentar zu dieser Praxis ist im Buch Große Schatzkammer der Verdienste enthalten.

Es gibt zweiunddreißig Gottheiten im Körper-Mandala Lama Losang Tubwang Dorjechangs, und diese Gottheiten manifestieren sich als die zweiunddreißig Gottheiten in Dorje Shugdäns Mandala. Dies erklärt Je Phabongkhapa, eine Ausstrahlung Herukas, in seinem Gebet an Dorje Shugdän:

Die Anhäufungen, Elemente, Quellen und Glieder Lama Losang Tubwang Dorjechangs
Erscheinen im Aspekt der Fünf Linien Dorje Shugdäns und seines Gefolges.
Mit der Erkenntnis, daß ich in Wirklichkeit den Yoga der zweiunddreißig Gottheiten des Körper-Mandalas praktiziere,
Bringe ich Euch diese Praxis dar, o Fünf Linien Dorje Shugdäns; bitte nehmt sie voller Freude an.

Der Zusammenhang zwischen den zweiunddreißig Gottheiten von Dorje Shugdäns Mandala und den Gottheiten von Lama Losang Tubwang Dorjechangs Körper-Mandala ist in Anhang II in einer Tabelle dargestellt.

Duldzin Dorje Shugdän ist die Hauptgottheit unter den Gottheiten der Fünf Linien Dorje Shugdäns. Er ist eine Mani­festation der Anhäufung des Bewußtseins von Lama Losang Tubwang Dorjechang. Vairochana Shugdän ist eine Manife­station der Anhäufung der Form von Lama Losang Tubwang Dorjechang, Ratna Shugdän ist eine Manifestation seiner Anhäufung des Gefühls, Päma Shugdän ist eine Manifestation seiner Anhäufung der Unterscheidung und Karma Shugdän ist eine Manifestation seiner Anhäufung der zusammensetzenden Faktoren.

In vielen Sadhanas Dorje Shugdäns heißt es, daß Dorje Shugdän die Verkörperung des «Gurus, Yidams und Beschüt­zers» ist. «Guru» bezieht sich in diesem Fall ausdrücklich auf Lama Tsongkhapa. Wenn wir also das Sadhana Dorje Shugdäns praktizieren, praktizieren wir indirekt sowohl den Guru-Yoga von Je Tsongkhapa als auch die Praxis von Yamantaka und Kalarupa. Atisha sagte: «Ihr Tibeter verlaßt euch auf Hunderte von Gottheiten, erzielt aber keine einzige Erlangung, während wir indischen Buddhisten uns nur auf eine Gottheit verlassen und die Erlangungen und die Segnungen von Hunderten von Gottheiten erhalten.» Wir sollten Atishas Bemerkung nicht vergessen und erkennen, daß es wesentlich sinnvoller ist, nur eine Gottheit aufrichtig zu praktizieren und diese Gottheit als die Synthese aller Gottheiten zu betrachten, als viele Gottheiten oberflächlich zu praktizieren.

Manche glauben, daß Dorje Shugdän eine Ausstrahlung Manjushris ist, der sich im Aspekt eines weltlichen Wesens zeigt. Dies ist aber falsch. Sogar Dorje Shugdäns Form enthüllt die vollständigen Stufen des Pfades von Sutra und Tantra. Die Formen weltlicher Wesen besitzen keine solchen Qualitäten. Dorje Shugdän erscheint als vollordinierter Mönch, um zu zeigen, daß die Praxis reiner moralischer Disziplin essentiell ist für diejenigen, die Erleuchtung erlangen möchten. In seiner linken Hand hält er ein Herz. Es symbolisiert Großes Mitgefühl und spontane Große Glückseligkeit, die Essenz aller Stufen des weiten Pfades von Sutra und Tantra. Sein runder, gelber Hut steht für die Sichtweise Nagarjunas, und das Weisheitsschwert in seiner rechten Hand lehrt uns, Unwissenheit, die Wurzel Samsaras, mit der scharfen Klinge der Sichtweise Nagarjunas zu durchschneiden. Dies ist die Essenz aller Stufen des tiefgründigen Pfades von Sutra und Tantra.

Dorje Shugdän reitet einen Schneelöwen, das Symbol der Vier Furchtlosigkeiten eines Buddhas. Ein juwelenspeiender Mungo sitzt auf seinem linken Arm. Er symbolisiert Dorje Shugdäns Macht, all denjenigen Reichtum zu gewähren, die ihm vertrauen. Das einzelne Auge in der Mitte seiner Stirn symbolisiert seine allwissende Weisheit, die alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Phänomene gleichzeitig und direkt wahrnimmt. Sein zornvoller Ausdruck weist darauf hin, daß er Unwissenheit, den wirklichen Feind aller Lebewesen, zerstört, indem er sie mit großer Weisheit segnet, und zudem, daß er die Hindernisse reiner Dharma-Praktizierender zerstört.

Jede der zweiunddreißig Gottheiten von Dorje Shugdäns Mandala hat eine besondere Funktion. Sie werden in einem Gebet erklärt, das Sachen Kunlo, einer der großen Sakya-Lamas, geschrieben hat. Darin erläutert er, daß die Funktion Duldzin Dorje Shugdäns – der Hauptgottheit des Mandalas – darin besteht, vertrauensvolle Anhänger durch das Gewähren großer Weisheit auf richtige spirituelle Pfade zu führen; die Funktion Vairochana Shugdäns besteht darin, uns zu hel­fen, negatives Karma und Hindernisse zu überwinden; die Funktion Ratna Shugdäns besteht darin, unser Glück, unsere Lebensspanne und unsere tugendhaften Realisationen zu vergrößern; die Funktion Päma Shugdäns besteht darin, uns zu helfen, unseren eigenen Geist zu kontrollieren, um anderen helfen zu können, kontrollierte, ruhige und friedvolle Geisteszustände zu erreichen; und die Funktion Karma Shugdäns besteht darin, die vier Maras und böse Geister zu überwinden, die versuchen, vertrauensvollen Schülern zu schaden. Die Neun Großen Mütter helfen den treuen Anhängern Dorje Shugdäns in ihrer tantrischen Praxis, die Acht Vollordinierten Mönche helfen ihnen in ihrer Sutra-Praxis, und die Zehn Zornvollen Gottheiten helfen ihnen bei den verschiedenen täglichen Verrichtungen. In diesen spirituell degenerierten Zeiten stoßen Dharma-Praktizierende auf viele Hindernisse. Wenn wir uns aber mit unerschütterlichem Vertrauen auf Dorje Shugdän verlassen, wird er für uns sorgen wie ein Vater für seine Kinder.

Im allgemeinen müssen alle Dharma-Praktizierenden unerschütterliches Vertrauen in Buddha Shakyamuni entwickeln, denn ohne dieses Vertrauen wird ihre Dharma-Praxis wenig Kraft haben und nur kleine Erfolge bringen. Insbesondere müssen alle Gelugpa-Praktizierenden ein festes und dauerhaftes Vertrauen in Je Tsongkhapa entwickeln, da sie andernfalls niemals die einzigartigen Qualitäten seiner Lehre erfahren werden. Vertrauen ist die eigentliche Wurzel jeder Dharma-Erfahrung. Gelugpa-Praktizierende, die aufrichtiges Vertrauen in Dorje Shugdän haben, werden ohne Schwierigkeiten unerschütterliches Vertrauen in Je Tsongkhapa erzeugen können. Ihre Praxis der Sichtweise, der Meditation und der Handlung wird ganz natürlich rein werden, und sie werden leicht die besonderen, außergewöhnlichen Qualitäten von Je Tsongkhapas Unterweisungen erkennen. Somit werden sie ohne Schwierigkeiten Erfahrungen der beiden Stufen des Pfades, sowohl von Sutra als auch von Tantra, gewinnen können.

DER NUTZEN, SICH AUF DORJE SHUGDÄN ZU VERLASSEN

Erkennen wir die Natur und Funktion Dorje Shugdäns klar, können wir den Nutzen verstehen, den wir haben, wenn wir uns auf ihn verlassen. Dorje Shugdän hilft, führt und beschützt reine und vertrauensvolle Praktizierende ohne Unterlaß, indem er ihnen Segnungen gewährt, ihre Weisheit vergrößert, ihre Wünsche erfüllt und allen ihren tugend­haften Tätigkeiten zum Erfolg verhilft. Dorje Shugdän hilft nicht nur Gelugpas. Da er ein Buddha ist, hilft er allen Lebewesen, auch den Nichtbuddhisten. Die Sonne nützt auch den Blinden, gibt ihnen Wärme und läßt die Früchte heranreifen, die zu ihrer Nahrung werden. Wieviel offensichtlicher wäre aber der Nutzen der Sonne für sie, wenn sie die Sehkraft erlangen würden! Genauso beschützt Dorje Shugdän selbst diejenigen, die sich nicht bemühen, sich auf ihn zu verlassen. Öffnen sich jedoch unsere Augen des Vertrauens und verlassen wir uns aufrichtig auf ihn, so werden wir uns allmählich der Hilfe bewußter, die wir von ihm empfangen. Wollen wir aufrichtig den Nutzen erfahren, den wir gewinnen, wenn wir uns auf Dorje Shugdän verlassen, müssen wir uns über eine lange Zeit beständig auf ihn verlassen und unsere Verbindung zu ihm stetig verbessern. Auf diese Weise werden wir beginnen, seinen nutzbringenden Einfluß in unserem Leben wahrzunehmen.

Wir sollten verstehen, daß die Hauptfunktion eines Dharma-Beschützers darin besteht, unsere Dharma-Praxis zu beschützen, und nicht darin, uns in weltlichen Angele­genheiten behilflich zu sein. Mit diesem Verständnis sollten wir uns nicht entmutigen lassen, wenn wir nicht sofort sehr reich werden, da Reichtum für die spirituelle Praxis nicht unbedingt hilfreich ist und eine große Ablenkung sein kann. Verlassen wir uns aufrichtig auf Dorje Shugdän, wird er für die Bedingungen sorgen, die für unsere Dharma-Praxis am förderlichsten sind. Diese werden jedoch nicht notwendigerweise diejenigen sein, die wir selbst gewählt hätten! Dorje Shugdän wird unseren Geist segnen, um uns zu helfen, schwierige Situationen in den spirituellen Pfad umzuwandeln. Er wird die Augen der Weisheit seiner getreuen Anhänger öffnen und sie dadurch befähigen, stets die richtigen Entscheidungen zu treffen. Mögen diejenigen, die ihr Vertrauen auf ihn setzen, physisch gesehen auch allein sein, innerlich werden sie niemals von einem machtvollen Verbündeten und einem weisen und mitfühlenden Führer getrennt sein.

Ein Lama namens Gyara Tulku Rinpoche vom Kloster Drepung Loseling schrieb ein Gebet an Dorje Shugdän, in dem er seiner Dankbarkeit Ausdruck verlieh. In diesem Gebet sagt er:

Als erstes gabst Du mir einen hoch qualifizierten Spirituellen Meister,
Unter dessen Obhut ich Dharma studierte und praktizierte.
Wenn ich durch das Befolgen irreführender Ratschläge Gefahr lief, falsche Pfade zu betreten,
Hast Du mich sofort auf den richtigen Pfad zurückgeholt.

Dieser Lama verbrachte viele Jahre in einem Land, dessen Sprache er nicht sprach und wo äußerst schwere Bedingungen herrschten. Er gewann jedoch hohes Ansehen, und viele Menschen baten um seinen weisen Rat. Er erkannte, daß sein gesamter spiritueller Fortschritt, sein Glück, seine Gesundheit und sein Erfolg von Dorje Shugdän und nicht von ihm selbst stammten. Im gleichen Gebet schrieb er:

O Duldzin, König des Dharmas, ich danke Dir für Deine Güte.
Dein Körper ist die Synthese aller Sangha-Juwelen,
Deine Rede ist die Synthese aller Dharma-Juwelen,
Und Dein Geist ist die Synthese aller Buddha-Juwelen.


Mit freundlicher Genehmigung des Tharpa Verlages aus ‘Herzjuwel’ von Geshe Kelsang Gyatso