Warum wird der Beschützer Dorje Shugden von seinen Anhängern als Ausstrahlung des Weisheitsbuddhas Manjushri gesehen?

Sie berufen sich darauf, dass Manjushri sich immer wieder im Aspekt hoch verwirklichter Meister manifestiert hat, wie z. B. dem indischen Mahasiddha Biwawa, dem tibetischen Meister Sakya Pandita usw. Die Inkarnationslinie geht bis zu Tulku Dragpa Gyaltsän, der schliesslich gemäss seiner Prophezeiung als Beschützer Dorje Shugden erschien.

Da alle früheren Meister in Wirklichkeit Manjushri selbst waren, folgt daraus, dass auch Dorje Shugden Manjushri ist. Diese Logik ist simple und schlüssig. Folglich verehren die Dorje Shugden Praktizierenden seit Jahrhunderten den Weisheitsbuddha Manjushri, der als Beschützer erscheint.

Lesen Sie über  “Frühere Inkarnationen des Dharma-Beschützers” aus dem Buch ‘Herzjuwel’ (Tharpa Verlag, Zürich, Berlin)

Teil 1 (Teil 2 folgt in Kürze)

DIE FRÜHEREN INKARNATIONEN DORJE SHUGDÄNS

Der hoch verwirklichte Meister Tagpo Kelsang Khädrub Rinpoche verfaßte die zwei folgenden Verse über Dorje Shugdän:

Mit tiefem Vertrauen verbeuge ich mich vor Dir, Vajradhara Dorje Shugdän.
Obwohl Du bereits die Buddha-Ebene erlangt hast
Und die siebenundzwanzig Taten eines Buddhas ausführst,
Erscheinst Du in verschiedenen Formen, um dem Buddhadharma und fühlenden Wesen zu helfen.

Du hast Dich in verschiedenen Aspekten manifestiert,
Als indische und tibetische Meister,
Wie beispielsweise Manjushri, Mahasiddha Biwawa, Sakya Pandita,
Butön Rinchen Drub, Duldzin Dragpa Gyaltsän, Panchen Sönam Dragpa und viele andere.

Die Bedeutung des ersten Verses ist recht klar. Die siebenundzwanzig Taten eines Buddhas sind in den Sutras der Vollkommenheit der Weisheit und im achten Kapitel des Ornaments für klare Verwirklichungen von Maitreya erklärt. Diese siebenundzwanzig Taten beinhalten, wie den fühlenden Wesen das Betreten des spirituelle Pfades zur Befreiung gezeigt wird bis zur Hinführung der fühlenden Wesen zur endgültigen Erlangung der Buddhaschaft. Da Dorje Shugdän alle diese siebenundzwanzig Taten ausführt, ist es klar, daß er ein Buddha ist.

Um Lebewesen auf dem spirituellen Pfad zu führen, mani­festiert sich Dorje Shugdän in vielen verschiedenen Aspekten. Manchmal erscheint er in einem friedvollen Aspekt, manchmal in einem zornvollen, manchmal als Ordinierter, manchmal als Laie, manchmal als Bodhisattva, manchmal als Hinayana-Buddhist, manchmal als Nichtbuddhist oder sogar als nichtmenschliches Wesen. Da es so viele verschiedene Ausstrahlungen der Buddhas gibt, ist es schwierig zu sagen, wer eine Ausstrahlung ist und wer nicht. Die einzige Person, bei der wir diesbezüglich sicher sein können, sind wir selbst. Wir wissen, ob wir ein fühlendes Wesen oder ein Buddha sind. Von anderen wissen wir es aber nicht.

Jeder Buddha hat die Fähigkeit, so viele Ausstrahlungen zu manifestieren, wie es Lebewesen gibt. Diese Fähigkeit ist notwendig, da Buddhas nicht in der Lage wären, allen Lebe­wesen entsprechend ihren verschiedenen Bedürfnissen zu helfen, wenn sie nur in einer Form ohne Ausstrahlungen bleiben würden. Folglich, wenn wir uns weigern zu glauben, daß ein Buddha viele verschiedene Ausstrahlungen haben kann, halten wir indirekt an der falschen Sichtweise fest, zu leugnen, daß Buddhas allen Lebewesen helfen können. Im Sutra der Begegnung von Vater und Sohn sagt Buddha Shakyamuni:

Buddhas zeigen sich in vielen verschiedenen Aspekten, wie zum Beispiel als Brahma, Indra und manchmal sogar als Mara oder böse Person, aber weltliche Menschen erkennen diese Ausstrahlungen nicht.

Buddhas können sich sogar als unbelebte Objekte ausstrahlen. Einst reiste der große indische Meister Phadampa Sangye nach Tibet. Als Milarepa vom Besuch dieses großen Yogis hörte, entschloß er sich, dessen Realisationen zu prüfen. Er ging zur Grenze und wartete auf Phadampa Sangyes Ankunft. Als er ihn näherkommen sah, verwandelte er sich in eine Blume, um zu prüfen, ob Phadampa Sangye die Hellsicht besaß, seine Tarnung zu durchschauen. Phadampa Sangye ging jedoch einfach an Milarepa vorbei, scheinbar ohne dessen Gegenwart zu bemerken. Milarepa dachte: «Dieser sogenannte Yogi hat keine Hellsicht», worauf sich Phadampa Sangye umdrehte, gegen die Blume trat und sagte: «Steh auf Milarepa!» Milarepa war erfreut festzustellen, daß Phadampa Sangye tatsächlich ein wahrhaft verwirklichtes Wesen war. Er sprang in seiner normalen Form auf und begrüßte ihn.

Wie Tagpo Kelsang Khädrub Rinpoche sagte, hat sich Dorje Shugdän in vielen verschiedenen Formen gezeigt, um den Lebewesen zu helfen. Nun folgt eine kurze Darstellung jeder der vergangenen Inkarnationen Dorje Shugdäns, die im oben zitierten Vers erwähnt wurde.

MANJUSHRI

Zur Zeit Buddha Shakyamunis erschien Dorje Shugdän als Bodhisattva Manjushri, einer der Hauptschüler Buddhas. In Wirklichkeit hatte Manjushri bereits in einem früheren Zeitalter, lange vor der Zeit Buddha Shakyamunis, die volle Erleuchtung erlangt. Im Sutra der Enthüllung des Bereiches von Manjushri erklärt Buddha, daß Manjushri in ferner Vergangenheit den Bodhisattva-Pfad vollendet und in seinem Reinen Land als Buddha namens «Tathagata Lampe der Nagas» die Erleuchtung erlangt hatte. Im selben Sutra beschreibt Buddha auch die vielen verschiedenen Buddha-Länder Manjushris und wie Manjushri in zahllosen Ausstrahlungen erscheint, um fühlenden Wesen zu helfen.

Zwar zeigte sich Manjushri im Aspekt eines Schülers von Buddha, dennoch hatte er große Macht, fühlenden Wesen zu helfen. Manchmal kamen Menschen auf der Suche nach Hilfe und Rat zu Buddha, aber Buddha verwies sie an Manjushri, da sie eine stärkere karmische Verbindung zu ihm hatten. Einige hatten eine solch starke Verbindung mit Manjushri, daß sie durch seinen Segen und sein Geschick in der Lage waren, nahezu ohne eigene Anstrengung sehr kraft­volle Realisationen zu entwickeln.

So jemand war König Ajatashatru. Ajatashatru hatte zwei besonders negative Handlungen begangen. Er hatte seinen Vater getötet und eine vollordinierte Nonne vergewaltigt, die außerdem ein Höheres Wesen war. Die Folgen solcher Handlungen sind entsetzlich. In den Vinaya-Sutras werden solche Handlungen «Handlungen sofortiger Vergeltung» genannt, denn, wer auch immer sie begeht, wird sofort nach dem Tod mit Sicherheit in einem Höllenbereich wiedergeboren. Den Vinaya-Sutras zufolge ist es unmöglich, solch eine Wiedergeburt zu verhindern, doch es besteht eine Möglichkeit, ihre Dauer zu verkürzen. Gemäß den Mahayana-Sutras können diese schweren negativen Handlungen jedoch gereinigt werden, wenn die korrekten Gegenmittel in reiner Form angewendet werden.

König Ajatashatru entwickelte starkes Bedauern für seine negativen Handlungen und bat Buddha, ihm eine besondere Methode zu geben, sie zu reinigen. Buddha lehrte das Sutra für die Beseitigung von Ajatashatrus Bedauern und legte dem König dann nahe, den Bodhisattva Manjushri um Hilfe zu ersuchen. Sobald Ajatashatru diesen Ratschlag hörte, entwickelte er starkes Vertrauen in Manjushri. Er lud Manjushri zu einem Festmahl in sein Haus ein. Nach dem Mahl stand er auf, um Manjushri einen sehr teuren Umhang darzubringen. Aber in dem Moment, als er das Gewand anbot, verschwand Manjushri. Der König stand verwundert da: «Wer ist Manjushri? Wo ist Manjushri?» Durch diese Gedanken erkannte er, daß er keinen wirklichen, wahrhaft existierenden Manjushri finden konnte, und kam dem Verständnis der Leer-heit sehr nahe. Da Manjushri verschwunden war, entschloß sich der König, den Umhang selbst anzuprobieren, aber als er ihn um seine Schultern legte, begann er die gleichen Fragen auf seine eigene Person bezogen zu stellen: «Wer bin ich? Wo bin ich? Wer ist der König? Wo ist der König?» Da er völlig außerstande war, ein wirkliches, wahrhaft existierendes Selbst oder einen wahrhaft existierenden König zu finden, erlangte er ein Verständnis der Leerheit. Dann begann er zu meditieren und erlangte schnell eine direkte Realisation der Leerheit und wurde ein Höheres Wesen auf dem Pfad des Sehens.

Den Hinayana-Unterweisungen zufolge kann eine Person, die eine der fünf Handlungen sofortiger Vergeltung begangen hat, nicht im selben Leben ein Höheres Wesen werden, aber die Mahayana-Sichtweise ist anders. Durch die Segnungen Manjushris konnte König Ajatashatru sein negatives Karma reinigen und den Pfad des Sehens erreichen. Manjushri vollbrachte viele solche besonderen Taten.

MAHASIDDHA BIWAWA

Später, um dem Buddhadharma zur Blüte zu verhelfen, wählte Manjushri eine Wiedergeburt als Mahasiddha Biwawa. Biwawa wurde in Indien, östlich von Bodh Gaya, geboren und trat in jungen Jahren in das Kloster Nalanda ein. Obwohl er eine Ausstrahlung Manjushris und demzufolge ein vollerleuchtetes Wesen war, studierte und praktizierte Biwawa Buddhas Lehren in Nalanda, um ein vollkommenes Beispiel zu geben, wie man den Pfad zur Befreiung und Erleuchtung praktizieren soll. Tagsüber studierte und meditierte er über die Sutra-Unterweisungen, und nachts praktizierte er die Yogas des Heruka-Tantras. Als Folge seiner reinen Praxis konnte er Vajrayogini und ihr Gefolge unmittelbar sehen. Jedesmal, wenn er Tsog-Darbringungen machte, kam Vajra­yogini in sein Zimmer zusammen mit fünfzehn anderen Dakinis, zu denen er eine besonders starke karmische Verbindung hatte, um am Fest teilzunehmen.

Unglücklicherweise konnten die anderen Mönche im Kloster Nalanda Vajrayogini und die Dakinis nicht erkennen, sondern sahen sie als gewöhnliche Frauen. Da die Mönche glaubten, daß er seine Ordinations-Gelübde breche, wurden sie ihm gegenüber sehr kritisch und gaben ihm den Spitznamen Biwawa, was «schlechter Mann» bedeutet. Ihrer Ansicht nach brachte Biwawas Verhalten das Kloster in Verruf, und so forderten sie ihn auf, dieses zu verlassen. Zwar hatte Biwawa niemals auch nur eines seiner Vinaya-Gelübde gebrochen, dennoch willigte er ein, Nalanda zu verlassen, und sagte: «Ja, ich bin ein schlechter Mann, ich werde gehen.» Er gab seine Roben zurück, zog sich Laienkleidung an und verließ das Kloster. Dann begann er wie ein armer, heimatloser Bettler von Ort zu Ort zu wandern.

Zuerst kam er in eine Gegend in der Nähe von Varanasi und lebte dort in einer Höhle tief im Wald. Das Land gehörte einem nichtbuddhistischen König, der einen großen Haß auf Buddhisten hatte. Eines Tages traf der König Biwawa und lud ihn in seinen Palast ein. Als er aber erfuhr, daß Biwawa ein Buddhist war, befahl er seinen Dienern, ihn zu töten. Zuerst versuchten die Diener, Biwawa zu ertränken; sie konnten ihn aber nicht hochheben, um ihn in den Fluß zu werfen. Dann versuchten sie, ihn lebendig zu begraben, aber am nächsten Tag erschien er wieder unversehrt. Schließlich versuchten sie, ihn zu verbrennen, aber wieder blieb er unverletzt. Als der König sah, daß sich Biwawa durch seine Wunderkräfte beschützen konnte, entwickelte er starkes Vertrauen in ihn und den Buddhadharma. Er und all seine Untertanen wurden buddhistische Praktizierende und Schüler Biwawas. Dies erfüllte eine Prophezeiung, die ein Astrologe bei Biwawas Geburt gemacht hatte und besagte, daß Biwawa sehr mächtig werden und durch die Vorführung seiner Wunderkräfte viele Menschen dazu bringen würde, den Pfad des Buddhadharmas zu betreten.

Einige Zeit später reiste Biwawa nach Süden zum Ganges. Als er am Fluß ankam, bat er einen Fährmann, ihn ans andere Ufer zu befördern, aber der Fährmann weigerte sich, da Biwawa kein Geld zur Begleichung der Schuld hatte. Biwawa verkündete: «Da dieser Fluß immerzu fließt, ist er vielleicht müde und möchte sich ein wenig ausruhen.» Er teilte das Wasser und ging hinüber zur anderen Seite. Der Fährmann war verblüfft und fragte Biwawa, wer er sei. Biwawa erzählte ihm ein wenig von seiner Lebensgeschichte, worauf der Fährmann großes Vertrauen in ihn entwickelte und ihn darum bat, sein Schüler zu werden. Biwawa nahm ihn als Schüler auf und gab ihm viele Unterweisungen. Der Fährmann praktizierte mit großem Fleiß und wurde schließ-lich ein hoch verwirklichter Yogi namens Drombi Heruka, einer der vierundachtzig Mahasiddhas.

Biwawa setzte seine Reise fort und erreichte eine Stadt. Dort rastete er in der örtlichen Gaststätte. Nachdem er einige Getränke zu sich genommen hatte, bat ihn die Wirtin zu bezahlen, aber Biwawa antwortete, daß er kein Geld habe. Die Wirtin wurde ärgerlich und drohte ihm: «Bis Sonnenuntergang mußt du bezahlt haben, sonst rufe ich die Ordnungshüter und lasse dich ins Gefängnis werfen!» Sofort benutzte Biwawa seine Wunderkräfte und hielt den Sonnenlauf an. Drei volle Tage hielt er die Sonne bewegungslos. Die Ortsbevölkerung war entgeistert und fragte sich, wie so etwas geschehen konnte. Schließlich baten sie den König um Hilfe. Als der König Biwawa fragte, was geschehen sei, antwortete Biwawa, daß er dafür verantwortlich sei, daß die Sonne nicht untergehe. «Wenn ich der Sonne erlaube unterzugehen, muß ich ins Gefängnis», erklärte er. Der König versicherte Biwawa, daß er weder seine Getränke bezahlen noch ins Gefängnis gehen müsse, wenn er nur die Sonne wieder untergehen ließe. Als Biwawa von seiner Begnadigung hörte, war er hoch erfreut und ließ augenblicklich die Sonne ihre Reise am Himmel fortsetzen!

Als Folge dieser außergewöhnlichen Taten entwickelten viele Menschen Vertrauen in Biwawa und den Buddhadharma. Auf diese Weise führte er viele Menschen auf den spirituellen Pfad. Als die Mönche in Nalanda von seinen Taten hörten, bedauerten sie sehr, daß sie ihn ausgestoßen hatten, und baten ihn, ins Kloster zurückzukehren, aber Biwawa lehnte ihre Einladung ab.

Mit freundlicher Genehmigung des Tharpa Verlages aus ‘Herzjuwel’ von Geshe Kelsang Gyatso

Teil 2 der Inkarnationslinie folgt in Kürze in diesem Blog