Die Geschichte von 16 jungen tibetischen Flüchtlingen in Nepal und Indien

Ein Erfahrungsbericht von Lobsang Tsultrim, tibetischer Flüchtling

Mein Name ist Lobsang Tsultrim. Ich stamme aus der Provinz Gyaltang – Yunan auf Chinesisch – in Tibet. Am 16. July 2007 kam ich im Tibetischen Empfangszentrum (TRC) in Kathmandu, Nepal, an. Bei unserer Ankunft im TRC freuten wir uns, als wenn wir nach Hause gekommen sind; wir fühlten uns wohl und sicher bei dem Gedanken, dort tibetische Landsleute zu treffen. Dieses Gefühl endete jedoch abrupt, als wir vom Vorsitzenden des TRC befragt wurden.

“Habt Ihr chinesische Pässe?” fragte der Vorsitzende. “Wir haben keinen chinesischen Pass”, antworteten wir. Er lachte und schrie: “Sagt mir ehrlich, wenn Ihr keinen chinesischen Pass habt, welchen Weg habt Ihr dann nach Nepal genommen?” Ich antwortete, dass ich wirklich keinen Pass habe, und dass wir einem Führer Geld gegeben haben, um uns zu helfen, die Grenze zu überqueren. Er fragte uns dann, an welches Kloster wir gehen wollten, und ich sagte ihm, an das Kloster Sera Me. Er fragte weiter, an welches Khamtsen (Abteilung des Klosters) ich gehen wollte, und ich sagte ihm, Pomra Khamtsen.

Diese Antwort gefiel ihm ganz klar nicht und er begann unfreundlich mit mir zu reden. Ich war verwirrt und fragte mich, was falsch gewesen war. Dann bekam ich heraus, dass er wütend war, weil Pomra Khamtsen Dorje Shugden praktiziert.

Ich wurde dann in den Raum Nr. 5 geführt, wo ich wieder befragt wurde. Die Beamten fragten nach meinem Namen, dem Namen meiner Eltern und meinem Vaterland, und ich beantwortete sie alle. Sie fragten auch nach dem Kloster und der Abteilung (Khamtsen) meiner Wahl. Ich sagte, ich wolle dem Pomra Khamtsen in Sera Me beitreten. Ich wurde dann gefragt, ob ich Dorje Shugden verehre und ich bejahte.

Mir wurde dann gesagt, dass ich eine Erklärung unterschreiben müsste, mit der ich meinen Glauben an Dorje Shugden und meine Praxis aufgebe, wenn ich an das Pomra Khamtsen in Sera Me gehen wolle.

Ich bat ihn, mich nicht zu zwingen, zu unterschreiben.

Der Beamte, der diesen Teil der Befragung durchführte, sagte:

“Du bist ein chinesischer Spion. Du bist gegen den Dalai Lama. Wenn Du Dorje Shugden verehrst, bist Du gegen den Dalai Lama.”

Ich widersprach diesen Anschuldigungen und sagte, der Dalai Lama ist der spirituelle Meister von Tibet und auch mein Guru. Dorje Shugden ist eine Gottheit, die in unserem Kloster, in unserer Provinz und unserer Familie verehrt wird.

Ich wurde dann wieder bedrängt, bezüglich meiner Gründe, die Erklärung die Dorje Shugden Verehrung aufzugeben nicht unterschreiben zu wollen. Und ich wiederholte meine vorherige Aussage, dass die Gottheit Dorje Shugden in unserem Kloster, unserer Provinz und meiner Familie seit vielen Generationen verehrt wird. Ich habe energisch verneint, dass meine Verehrung von Dorje Shugden bedeutet, dass ich den Dalai Lama ablehne. Ich flehte ihn an, mich zu verstehen, und mich nicht zu zwingen meinen religiösen Glauben aufzugeben.

Mir wurde dann gesagt, dass ich sorgfältig über diese Angelegenheit nachdenken müsse, da es keine Möglichkeit gäbe, an einem Kloster zugelassen zu werden, wenn ich nicht unterzeichne. Er weigerte sich, mir ein Empfehlungsschreiben auszustellen, das besagt, dass meine Zulassung zu Sera Me vom Dalai Lama und dem Kalon Tripa, dem Vorsitzenden des tibetischen Kabinetts, bewilligt wird.

Wir hatten die Flucht aus Tibet nur riskiert, um eine Audienz mit seiner Heiligkeit dem Dalai Lama zu erhalten und um an ein Kloster zu gehen, wo wir tibetische buddhistische Philosophie studieren konnten. Dies war unser einziges Ziel.

Wir blieben zwei Monate in Kathmandu, ohne ein Empfehlungsschreiben vom TRC zu erhalten.

Wir waren bekümmert.

Die Vertreter von Pomra Khamtsen, Dhokang Khamtsen, den Shugden Devotees und die Nepalesische Regierung boten uns Hilfe an. Das nepalesische Innenministerium sandte eine Nachricht an die United Nations High Commission for Refugees (UNHCR), sowie das TRC und bat darum, keine Diskriminierung zuzulassen. Die UNHCR schrieb dann an das TRC, und forderte es auf, Neuankömmlingen aus Tibet keine Briefe auszustellen. Wir verliessen Kathmandu am 12 Juli 2007.

Selbst nachdem wir das TRC verlassen hatten, wurden wir schikaniert. Bevor wir den Bus nach Delhi bestiegen, durchsuchten der Vorsitzende des TRC und seine Angestellten unsere Taschen; sie stahlen unsere neuen Sachen und liessen uns nur alte, gebrauchte Dinge. Sie nahmen uns Kleidungsstücke und Büchsenfleisch ab, dass unser Reiseproviant war.

Ihr Verhalten schockierte uns. Was konnten wir tun? Unsere Augen waren mit Tränen gefüllt.

Statt Tibeter zu sein, die Tibetern helfen, unterdrückten und bestahlen sie uns. Sie behandelten uns schlecht und diskriminierten uns, weil wir Dorje Shugden verehren. Wir hatten das Gefühl, dass Dorje Shugden Praktizierende in Indien mehr leiden als wir. Dann fuhren wir ab.

Am 14. Juli 2007 erreichten wir dasTRC in Budh Vihar, Delhi. Dort hatten wir einen Zwischenstopp für etwa 10 Stunden. Dann wurden wir mit dem Bus nach Dharamsala geschickt. Am 15. Juli erreichten wir morgens Dharamsala und gingen zum dortigen TRC. Sobald wir ankamen, sagte ein Angestellter:

“Wir sind alle Tibeter. Wir sollten Harmonie und Einigkeit bewahren. Und wir müssen den Worten Seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama folgen.”

Er sagte noch mehr, was wir aber nicht verstanden, da wir einen anderen Dialekt sprachen. Dann zeigte er uns unsere Betten, gab uns Teller und Löffel und sammelte 150 Rupien von jedem von uns ein. Wir erhielten ein Frühstück aus Reisnudeln und Eiern. Nach dem Frühstück wurden unsere Namen aufgenommen. Für drei Tage wurde niemand zu einer Befragung gerufen.

Ein Angestellter (etwa 165cm gross und ca 25 Jahre alt) schrieb meinen Namen auf, sowie den von Tsering Norbu, der 14 Jahre alt ist. Er sagte, wir müssten an einen anderen Ort gehen. Ich fragte ihn wo wir hingehen müssen, aber er antwortete nicht. Da wir nicht im Lhasa Dialekt sprechen, war die Verständigung schwierig. Wir baten die Angestellten, einen Mönch zu rufen, den wir von Sera Me kannten. Wir gaben im die Telefonnummer und baten ihn, von seinem Handy anzurufen, aber er tat es nicht. Er sagte, die Nummer wäre nicht erreichbar. Dann brachte er uns zu einem zweigeschossigen Gebäude. Dort waren ein Inder, eine Nonne und drei andere Männer, einschliesslich dem Mann, der uns dorthin gebracht hatte. Der Inder stellte keine Fragen.

Die Befragung ging wie folgt von statten:

Angestellter: “Welche Gottheit verehrt Dein Kloster?”
Lobsang: “Unser Kloster verehrt die Gottheit Dorje Shugden.”
Angestellter: “Wenn das der Fall ist, verehrst Du den Dalai Lama?”
Lobsang: “Wir verehren Dorje Shugden als Gottheit und den Dalai Lama als einen Guru. Nicht nur das, ich habe ein Foto des Dalai Lama gebracht.”
Angestellter: “Man sagt, solche Fotos sind nicht gestattet [in Tibet]?.”
Lobsang: “Da wir Vertrauen und Glauben haben, bewahrten wir das Bild in der Tasche auf.”
Angestellter: “Wenn Du Dorje Shugden verehrst, bist Du gegen den Dalai Lama. Wenn Du Dorje Shugden verehrst, kannst Du nicht den Dalai Lama verehren. Du musst Dich für den einen oder anderen entscheiden.”
Lobsang: “Seit Generationen haben wir sowohl den Dalai Lama als auch Shugden verehrt. Deshalb können wir nicht zwischen ihnen wählen, wie ich zuvor schon sagte.”

Sie diskutierten miteinander und forderten uns dann auf zu gehen. Wir kehrten zum TRC zurück. Am nächsten Tag wurde jeder von uns vom TRC befragt.

Befrager: “Was ist Dein Name, Deine Provinz und Dein Kloster?”
Lobsang: “Mein Kloster ist das Gyaltang Songtsen Ling.”
Befrager: “Wie viele Mönche gibt es in Deinem Kloster? Verehren sie Shugden?”
Lobsang: “Unser Kloster hat über 800 Mönche. Sie verehren Shugden.”
Befrager: “Ist die Hauptstatue Eures Klosters Lama Tsongkhapa oder Guru Padmasambhawa?”
Lobsang: “Die Hauptstatue ist Tsongkhapa”. (der Gründer der Gelug-Tradition des tibetischen Buddhismus)
Befrager: “An welche Abteilung in welchem Kloster gehst Du?”
Lobsang: “Ich gehe zum Pomra Khamtsen.”
Befrager: “Wenn Du an ein Kloster gehst, musst Du unterschreiben, dass Du niemals Shugden verehrst. Du kannst nicht gehen, wenn Du nicht unterschreibst. Dies sind die Richtlinien des Dalai Lama und die Verordnungen des Kashag (des tibetischen Kabinetts). Diese Vorgehensweise stammt nicht von uns. Deshalb kannst Du kein Empfehlungsschreiben haben. Wenn Du zu einer Schule gehen willst, gibt es keine Einwände. Aber Du kannst an kein Kloster gehen, solange Du Dorje Shugden verehrst. Deshalb musst Du gut nachdenken. Ich habe keine weitere Option für Dich.”

Ein paar Tage später wurde uns gesagt, dass wir nicht im TRC bleiben könnten. Wir sagten, wir würden das TRC verlassen, wenn Sie uns das Empfehlungsschreiben geben, aber ohne einen Brief hätten wir keinen Ort an den wir gehen könnten. Ein Angestellter drohte, wenn wir nicht gehen, würde die Polizei uns schlagen und in das Gefängnis werfen. Am 20. September gab uns das TRC keine Mahlzeiten und keine Decken mehr; wir wurden in einen leeren Raum auf dem Dachboden gebracht. Zum ersten mal in unserem Leben war uns kalt und hungrig.

Die Angestellten sagten uns erneut, dass wir nicht im TRC bleiben konnten und bald gehen müssten. Wir baten sie erneut, uns den Brief zu geben. Sie antworteten, dass sie uns den Brief nicht geben würden, wenn wir keine Erklärung unterzeichnen Dorje Shugden aufzugeben. Wir antworteten, wenn sie nicht die Autorität hätten, uns einen Brief zu geben, sollten sie uns Kalon Tripa Samdhong Rinpoche treffen lassen.

Lobsang Norbu und ich selbst wurden dann zum Büro des tibetischen Kabinetts gebracht. Wir konnten den Kalon Tripa nicht treffen. Aber ein junger Mann war im Büro. Wir gaben ihm unsere Petition und kehrten zurück.

“Ihr könnt nur noch drei Tage bleiben”, sagten uns die Angestellten des TRC, “darüber solltet ihr miteinander reden.” Wir wiederholten, dass wir gehen würden, wenn sie uns einen Brief geben, anderenfalls wären wir heimatlos. Am nächsten Tag wandten wir uns an das Kabinettsbüro. Nach ein paar Minuten Wartezeit kam Kalon Tripa zusammen mit fünf oder sechs anderen Männern. Wir standen auf, um unseren Respekt zu zeigen. Kalon fragte nach unseren Namen und worum es ginge. Wir sagten: “Rinpoche, bitte gib uns ein Empfehlungsschreiben, damit wir an das Kloster gehen können.”

Kalon Samdhong antwortete:

“Wenn ihr nicht unterschreibt, dass ihr die Verehrung von Shugden aufgebt, gibt es keine Möglichkeiten euch an das Kloster zu schicken. Es ist besser, wenn ihr nach Tibet zurückgeht. Ihr müsst das Geld für die Reise zusammenbringen.”

Seine Antwort traf uns im Herzen. Wir kümmerten ihn überhaupt nicht, was durch seine Worte offenkundig war. Tief verletzt kehrten wir an das TRC zurück.

Wir wurden weiterhin von den Angestellten des TRC bedroht und schikaniert, die uns sagten, sie wüssten nicht, wann die Polizei kommen würde, um uns festzunehmen. Wir sollten so bald wie möglich gehen.

Am 22. September kam die Polizei zum TRC und sagte uns, wir sollten Dharamsala so bald wie möglich verlassen, oder wir müssten ins Gefängnis. Das TRC und die Polizei zwangen uns zwei Unterschriften zu leisten, die erklärten, dass wir 1. Dharamsala verlassen, und 2. nach Tibet zurückkehren.

Als ich mich weigerte zu unterschreiben, schlug mich die Polizei mit einem Knüppel. Lobsang Tseten wurde geohrfeigt.

Sie befragten uns weiter und sagten uns, wir müssten die Erklärung unterschreiben, dass wir nach Tibet zurückkehren. Sie sagten, unsere Weigerung zu unterschreiben würde dazu führen, dass wir ins Gefängnis müssten. Diejenigen unter 16 würden zu einem anderen Ort gebracht werden.

Die Angestellten des TRC informierten uns, dass uns die Polizei eine Woche gibt zu gehen, anderenfalls würden wir verhaftet werden. Dies verletzte uns zutiefst. Unsere Eltern hatten uns geschickt, um tibetischen Buddhismus und Philosophie zu studieren. Für dieses Ziel hatten wir unsere Leben riskiert um zu flüchten. Wir haben alles dafür riskiert, aber wir sind in ein freies Land gereist, nur um von unseren eigenen Leuten verfolgt zu werden – Tibetern, die immer über Frieden, Liebe und Mitgefühl für alle Lebewesen sprechen.

Wir wurden wieder zur Polizeistation gebracht. Wir blieben dort einen Tag lang ohne Essen oder Trinken und wurden dann am abend wieder zum TRC gebracht. Die Angestellten des TRC sagten, wir würden mit Sicherheit von der Polizei festgenommen werden, wenn wir nicht so bald wie möglich gehen würden. Wir waren junge Neuankömmlinge, die keine Kenntnis von diesem Ort und diesem System hatten, und wir hatten Verständigungsschwierigkeiten. In anbetracht der Situation und unserer Erfahrung der letzten sechs Monate war es klar, dass wir in der Falle sassen und zunächst besser gehen sollten. Unsere Hoffnung war, dass wir uns an die indische Regierung wenden konnten, um unseren Fall zu untersuchen und uns zu beschützen.

Wir sind der indischen Regierung zutiefst dankbar, dass sie uns als tibetische Flüchtlinge Asyl gewährt hat. Es steht fest, dass die tibetische Exilregierung in Dharamsala uns nicht den Flüchtlingsstatus zugestanden hätte, selbst wenn sie die Autorität dazu hätte.

Hintergründe zu diesen bestürzenden Ereignissen gibt es hier

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